
Hass im Netz
Morddrohungen, Beleidigungen, Hass warum das Internet kein rechtsfreier Raum ist
Ich hab neulich ein Video gesehen. Ein Wissenschaftler erklärt ein Thema. Belegt, recherchiert, relevant.
Und der erste Kommentar darunter war: "Der sollte sich erstmal die Zähne putzen."
Ich hab kurz gestutzt. Dann ein komisches Gefühl bekommen. Und dann hab ich mich geärgert: ist das wirklich alles was einem dazu einfällt?
Kein Argument. Kein Widerspruch. Einfach die Person kleinmachen und weiterscrollen. Thema vom Tisch, Mensch erledigt.
Warum lassen wir das zu?
Es fängt klein an, hört aber nicht klein auf.
Zähne putzen ist noch das Harmloseste. Wer ein bisschen länger im Internet unterwegs ist weiß, dass da noch ganz andere Sachen kommen.
Jeder Youtuber, jeder Instagramer, jeder oder jede die auch nur ein bisschen sichtbar sind, sie alle erzählen dasselbe. Gewaltandrohungen. Morddrohungen. Ich weiß wo du wohnst. Ich find deine Kinder.
Nachrichten die man nicht einfach wegklickt, die machen etwas mit einem.
Und das ist kein Promi-Problem. Das trifft die Lehrerin die auf Facebook ein Foto postet. Die Mutter die im Elternforum eine Meinung hat. Den Vater der unter einem Nachrichtenartikel kommentiert. Dich. Mich. Jeden der sichtbar ist.
Sobald wir im Internet eine Meinung haben oder im Klassenchat, sind wir angreifbar.
Das ist die Realität.
Und ich find das zum Kotzen.
Warum die Leute das machen
Ich versuch das nicht zu entschuldigen. Aber ich versuch es zu verstehen.
Und das fällt mir extrem schwer.
Im echten Leben siehst du das Gesicht vom anderen. Du siehst ob er sich erschreckt, ob er weint, ob jemand zuschaut. Das bremst. Nicht alle, aber die meisten.
Im Internet siehst du nichts davon. Du schreibst in eine Leere. Kein Gesicht, keine Reaktion, oft kein richtiger Name. Und das macht es für manche erschreckend einfach, Dinge zu schreiben die sie auf der Straße niemals sagen würden.
Das ändert aber nichts daran, dass es Konsequenzen hat. Oder haben kann. Weil die meisten nämlich nicht wissen oder meinen das so was im Internet nicht strafbar ist oder nicht verfolgt wird.
Was strafbar ist
Ich behaupte mal ganz frech: Die Hälfte aller Erwachsenen weiß das nicht. Und bei Kindern sind wir da noch weiter weg. Woher sollten sie das auch wissen.
Wir reden ja nicht darüber.
Beleidigung ist strafbar. Auch im Internet. Auch anonym. Denk Dir hier bitte einfach diverse Kraftausdrücke, das ist §185 StGB. Kommentar, Direktnachricht, Sprachnachricht, egal.
Bedrohung ist strafbar. Ich bring dich um, ich weiß wo du wohnst, das ist §241 StGB. Auch wenn derjenige es nicht ernst meint. Der Empfänger kann das nicht wissen.
Mal ganz davon zu schweigen das man mit sowas nicht spaßt.
Bilder weiterleiten ist strafbar. Das ist das was mich am meisten erschreckt bzw verwundert, weil das im Klassenchat jeden Tag passiert. Wer ein Foto von jemandem ohne Erlaubnis weiterschickt, kann sich nach §201a StGB strafbar machen. Auch wenn das Bild ursprünglich öffentlich war. Auch mit vierzehn.
Nagel mich nicht fest, das hier ist keine Rechtsberatung, dafür gibt es Anwälte.
Aber...
Ab 14 ist dein Kind strafmündig. Auch im Internet.
Das wissen die wenigsten Eltern. Und noch weniger Kinder.
Ich würd glattweg sagen: Neunzig Prozent aller Kinder die ein Smartphone haben, wissen nicht was online strafbar ist und was nicht. Weil es ihnen niemand erklärt hat. Weil wir auf dem Spielplatz alles erklären und im Internet nichts.
Dabei ist das keine Raketenwissenschaft. Es sind dieselben Regeln wie draußen. Du darfst niemanden bedrohen. Du darfst niemanden beleidigen. Du darfst keine Fotos von jemandem rumschicken ohne dass derjenige das will.
Das kann man Kindern erklären. Genauso wie man ihnen erklärt warum man nicht in fremde Autos steigt.
Was du tun kannst wenn es dich trifft
Nicht wegklicken. Nicht denken das bringt eh nichts. Nicht schweigen.
Erstens: Screenshot. Sofort. Mit Nutzername, Datum, Uhrzeit. Bevor derjenige löscht.
Zweitens: Melden. Jede Plattform hat eine Meldefunktion. Instagram, Facebook, TikTok, alle. Fühlt sich sinnlos an, ist es manchmal aber nicht.
Drittens: Anzeige erstatten. Online, beim Revier, über die Onlinewache deines Bundeslandes. Bei Beleidigungen, bei Bedrohungen, bei Morddrohungen, immer.
Weil jede Anzeige zählt. Und weil du dir das nicht gefallen lassen musst.
Viertens: Nicht alleine bleiben. Erzähl jemandem. Deinem Mann, einer Freundin, irgendjemandem dem du vertraust. Hass zieht runter. Das ist keine Schwäche, das ist normal.
Was wir vorleben, ob wir wollen oder nicht
Kinder schauen zu. Immer.
Wie reagierst du wenn du einen gemeinen Kommentar siehst? Scrollst du einfach weiter? Regst du dich laut auf und machst nichts? Oder meldest du es?
Das alles sieht dein Kind. Auch wenn du glaubst es schaut gerade nicht hin.
Wenn du Hass meldest, zeigst du: das tolerier ich nicht. Wenn du über sowas redest, zeigst du: über sowas spricht man, das versteckt man nicht. Wenn dein Kind weiß dass es zu dir kommen kann ohne dass du ausflippst, dann kommt es auch.
Zuhören. Und dann gemeinsam schauen was man tut.
Was bleibt
Das Internet hat kein Sonderrecht. Keine Freizone für Drohungen, Beleidigungen und Hass. Die Regeln gelten online genauso wie offline. Nur wissen das die wenigsten.
Und das können wir ändern. Indem wir es unseren Kindern erklären. Indem wir es selbst vorleben. Indem wir nicht schweigen wenn es uns trifft.
